Gymnastizieren statt Dressieren
Fallbeispiele

 

 

  

 Hidalgo

6 jähriger br.W., hann. gezogen

 

Das Pferd wurde mir von seiner Besitzerin vorgestellt.

Geschildertes Problem:

 

Pferd hält sich insgesamt sehr fest, fehlende Rückentätigkeit, große Schwierigkeiten mit Linksstellung und Linkswendungen, auffällige Schweifschiefhaltung nach links oben.

 

Anamnese von Hidalgo:

 

Selbst gezogen und aufgezogen, selber eingeritten, ein Jahr selber geritten. Hidalgo wird als absolut unproblematisches und menschenbezogenes Pferd beschrieben, keine Auffälligkeiten beim Einreiten oder der täglichen Arbeit. Insgesamt ein braves und leichtrittiges Pferd.

Im Alter von 4,5 Jahren wurde Hidalgo zur weiteren Ausbildung in einen Dressurstall gegeben.

Die Leichtrittigkeit und Arbeitsbereitschaft von Hidalgo wurde in diesem Stall schnell erkannt und das Training auf erhöhte Versammlung ausgerichtet. Nach ca. 7 Monaten wurde das Pferd von seiner Besitzerin aus dem Stall und dem Beritt genommen, da Hidalgo seit einiger Zeit doch deutliche Rückschritte in der Entwicklung zeigte. Er wurde unrittig, häufiges Schweifschlagen und Kopf hochreißen bis hin zum Stehenbleiben und Steigen……..

Hidalgo ließ sich nur ungern anfassen im Hals und Rückenbereich, war sehr schreckhaft und explodierte gerne mal.

 

Zu Hause entwickelte sich Hidalgo zunehmend wieder in die gewohnte Richtung, zumindest im Umgang.

Er zeigt  aber seitdem einen steifen Gang, wenig Stellungs-u.

Biegungsbereitschaft sowie eine auffällige Schweifhaltung.

Nach der Arbeit zeigt Hidalgo deutliche Vorbiegigkeit in beiden Karpalgelenken.

 

 

Adspektion

 

 

 

     

 

Welche Seite des Pferdes ist schöner, wirkt harmonischer? Und warum? Diese Fragen leiten die Suche nach verspannten, übermäßig ausgebildeten oder fehlenden Muskelpartien ein!

 

 

 

 

 

Auffällig die Oberlinie des 6jährigen Hidalgo. Der Rücken im Bereich der Lendenwirbelsäule scheint stark anzusteigen weil der Rücken im Bereich der Sattellage nach unten weggedrückt ist  (Kompression durch verspannten langen Rückenmuskel). Ursache ist der Versuch des Pferdes, die Fesselgelenke des Hinterbeines deutlich zu entlasten. Beachten Sie die sehr steile Stellung der Hinterfesseln. Im Schema die Kausalkette, die im Rücken ankommt und die bereits beschriebene Kompression in der Sattellage verursacht.

 

  

    

 

 

Auffällig im Muskelbild von Hidalgo: der übermäßig ausgeprägte Halsteil des Trapezmuskels (oberer Kreis), Muskelverletzungen im Trizeps des Oberarms (unterer Kreis). Die Oberhalslinie wirkt sehr gerade (gelbe Linie), der hier verlaufende M. rhomboideus ist massiv an der Entlastungshaltung des Vorderbeines beteiligt, entsprechend angespannt und verspannt. Diese Muskelverspannungen entstehen, weil das Pferd versucht, die unnatürliche Belastung der Vorhand durch die Entlastungshaltung der Hinterhand möglichst erträglich zu machen.

 

  

Hidalgo hat sehr schmale Hinterhufe, resultierend aus der Entlastungssituaton.

 

 

Die Belastungssituaton der Vorderbeine zeigt sich im unteren Bereich der Gliedmaßen.  

Bewegungsanalyse:

 Schritt mit insgesamt auffällig geringer Nickbewegung, vorne links deutliche Aussenfussung, Schweifhaltung nach oben links, Extension der Fesselgelenke vorne links und hinten bds. nur minimal. Rückenbewegung kaum feststellbar. Hinten rechts deutliche Adduktion (Hinterbein fußt nach innen).

Trab schleppend mit festem Rücken und sehr gerader Oberhalslinie.

 

Palpation:

Muskelverspannungen von: M. rhomboideus pars cervicales, longissimus dorsi links, gluteus medius links, semitendinosus und membranosus bds., das Os carpi asessorium links fest, deutliche Druckdolenz der Beugesehnen, vor allem aber des Unterstützungsbandes der tiefen Beugesehnen.

 

 

Beurteilung der Befunde: 

Die häufige offensichtlich deutliche Versammlung überlastet die Fesselgelenke der Hinterhand. Denn Hidalgo kann noch gar keine wirkliche Hankenbeugung machen, er tritt nur kürzer, der lange Rückenmuskel verspannt sich, Knie und Sprunggelenk beugen sich zu wenig bei der Lastaufnahme, die Zeche zahlen die Fesselgelenke der Hinterbeine. Hidalgo versucht diese zu entlasten und verlagert sein Gewicht übermäßig auf die Vorhand. Diese Überlastung kompensiert Hidalgo dann, indem er die Schulter hochzieht. Mit dem M. rhomboideus, der übermäßig angespannt eine optisch gerade Halslinie macht.

Die Entlastung und Minderbelastung der Hinterhand führt zu der auffällig schmalen Hufform der Hinterbeine. Mit dem verspannten Rückenmuskel wird die Nickbewegung weniger, das Pferd schiebt sich nun nicht mehr mit dem Hinterbein, weil die Hinterbeine ja weh tun, sondern zieht sich mit dem Vorderbein. Die Beugemuskeln der unteren Gelenke des Vorderbeines müssen unphysiologisch viel Gewicht bewegen und verspannen sich.( blockiertes Os carpi asessorium). Auch der breite Rückenmuskel (M. latissimus dorsi) ist übermäßig ausgeprägt, da er überdurchschnittlich viel Gewicht bewegen muss (Foto unten).

 

 

 

 

Vor allem das linke Vorderbein, durch die natürliche Schiefe schon überlastet, reagiert nun extrem schmerzhaft auf Mehrbelastung, wie sie bei der Linksstellung und Wendung entsteht. Zur Unterstützung bzw. Entlastung des linken Vorderbeines arbeitet das rechte Hinterbein deutlich in diese Richtung (Adduktionsbewegung). Das linke Hinterbein hat normalerweise diese Aufgabe, kommt aber aufgrund des verspannten langen Rückenmuskels nicht genügend unter den Schwerpunkt. Der verspannte Trapezmuskel zieht die Schulter und damit die gesamte Gliedmaße in die Abduktion ( nach außen ) das innere Gleichbein bekommt so mehr Belastung  und wird dann durch die Außenfußung entlastet. Mit der Außenfußung ebenfalls entlastet wird das Unterstützungsband der tiefen Beugesehne, das offensichtlich sehr schmerzhaft ist. Symptomatisch dafür ist die vorbiegige Stellung des linken Carpalgelenks nach der Arbeit.

   

Therapievorschlag

 

Detonisierung der Oberlinie und der Muskulatur des linken Vorderbeines, Mobilisierung des Erbsbeines links, Mobilisierung der Fesselgelenke und Gleichbeine. Rückführung zu einem natürlichen Bewegungsablauf führt zu einem natürlichen Muskelbild durch natürliche Muskelbeanspruchung.

Nebenbei zu beobachten ist natürlich auch die Psyche des Pferdes. Wieviel Vertrauen hat er zur Arbeit mit und unter dem Menschen verloren, entsprechend vorsichtig muss er wieder an die tägliche Arbeit herangeführt werden.

 

 

Hidalgo 1. Tag an der einfachen Longe

 

Die fehlende Parallelität von Unterarm und Hinterröhre des diagonalen Hinterbeines (gelbe Linien) deuten auf einen verspannten Rückenmuskel hin. Die Hinterbeine können nicht nach vorne unter den Schwerpunkt treten und stemmen nicht. Daher braucht das Pferd die gezeigte Kopf-Hals-Position, um das Vorderbein nach vorne zu führen. Mit dem roten Pfeil angedeutet ist der Verlauf des M. brachiocephalicus und omotransversarius (Oberarm-Kopfmuskel), mit dem das Pferd das Vorderbein nach vorne oben bringt. Viele Reiter/innen und Trainer würden hier von Unwillen sprechen. „Das Pferd muß lernen in Stellung zu gehen!“ Falsch!!!

Mit der gezeigten Kopf-Hals-Position kompensiert das Pferd das nicht unter den Schwerpunkt fußende Hinterbein. Das ist kein Unwille!

 

 Tag 3 mit Hidalgo

 

 

 

Bild oben: Palpation des Atlas und Beurteilung der Stellung. Detonisierende Massage der Genickmuskulatur, die sehr verspannt ist wegen der oben gezeigten und erklärten Kopfposition für die Kompensation des „fehlenden“ Hinterbeines.

 

Bild unten: Detonisierende Massage der Rücken-u. Kruppenmuskulatur.

 

 

  

Tag 6 mit Hidalgo

  

Dehnung des breiten Rückenmuskels, der, wie oben gezeigt, übermäßig verspannt ist.

 

 

 

Detonisierende Massage der Zehenbeugemuskeln vorne links. Diese Muskeln sind durch die fehlende Schubkraft der Hinterbeine stark überlastet und verspannt. Auch die Beugemuskeln des Carpalgelenkes ( setzen am Erbsbein an),  müssen unnatürlich viel Gewicht bewegen und sind entsprechend verspannt. Das blockierte Erbsbein ist ein deutlicher Hinweis darauf. Im unteren Bild die Testung des Erbsbeines (os carpi accessorium).

 

 

 

Tag 9 mit Hidalgo

 

 

Schweiftraktion, gleichzeitiges erfühlen des „Öffnens“ vom lumbosacralen Übergang. Die Schweiftraktion dehnt die Oberlinie, das Pferd unterstützt diese als angenehm empfundene Dehnung mit dem deutlichen Senken von Kopf und Hals. Die detonisierende Massage der Rückenmuskulatur geht dieser Behandlung voraus. Die anfänglich beschriebene Kompression in der Sattellage wird so entschärft.

 

Die gezeigten Behandlungen habe ich teilweise täglich, teilweise alle 2-3 Tage wiederholt. Die Toleranz der Behandlungszeit stieg von anfänglich 10 min auf nunmehr 30min.

 

Hidalgo wurde täglich für 15-20min an der einfachen Longe mit Gurt und Dreieckzügeln gearbeitet, davon 2/3 der Zeit im Schritt, die Trabmomente begrenzte ich auf max. 1-2 Zirkelrunden. Zusätzlich war Hidalgo täglich für 1-2h auf seinem Sandpaddock, wo ich ihn nach einigen Tagen auch behandeln konnte.

  

Tag 11 mit Hidalgo

 

 

Hidalgo braucht immer noch eine deutlich vom Ideal abweichende Kopf-Hals-Position, aber der Gesamteindruck ist schon besser, die verbesserte Parallelität von rechtem Unterarm und der linken Hinterröhre spricht für eine deutlich entspanntere Oberlinie. Die Extension im Fesselkopf vorne links ist für diese Bewegungs- und Haltungssituation allerdings immer noch zu gering.

 

 Tag 18 mit Hidalgo

 

 

Schwungvoller kurzer Moment. Stellung und Biegung praktisch ohne inneren Zügel, das Hinterbein kann jetzt energisch untertreten.

 

 

Ganz wichtig zu beachten:

 

Der bessere Bewegungsablauf durch die deutlich entspannte Muskulatur bringt höhere Belastungsmomente auf die Strukturen des passiven Bewegungsapparates. Mit diesen höheren Belastungsmomenten muss der Mensch äußerst vorsichtig und sensibel umgehen.

Hidalgo arbeitet auch weiterhin max. 30min an der einfachen Longe, davon vorrangig im Schritt, die Trabsequenzen beschränken sich auf 1-1.5 Runden. Den Galopp habe ich bis heute nicht gefordert, da der Dreitakt 2 Einbeinstützen bedeutet, max. Belastungssituation für die jeweilige Gliedmaße, die noch eine ganze Weile vermieden werden sollte.

 

 

Tag 20 mit Hidalgo

 

Es ist Zeit für eine kleine Zwischenbilanz. Hidalgo hat sich sehr gut entwickelt, sehr entgegen kommt dem Therapieziel, das er dem Menschen sehr zugewandt ist und sich vertrauensvoll auf die Arbeit einlässt. Nicht ganz selbstverständlich bei seiner Vorgeschichte.

 

 

Der weiterhin sensible Umgang mit den Belastungssituationen der Fesselgelenke, das Unterstützen des Trainings durch manuelle Therapie und der Faktor Zeit wird Hidalgo hoffentlich wieder in das Sportpferdetraining bringen.

Er ist eines von leider viel zu vielen Beispielen, das letztlich einen Satz der klassischen Reitlehre bestätigt:

 

Du kommst am schnellsten voran, wenn Du Dir Zeit lässt!

  

Hätte Hidalgo die Zeit bekommen, alle Strukturen seines Körpers den Belastungssituationen der Versammlung anzupassen wäre er jetzt nicht in der Reha, sondern im Training.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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